Stellungnahme zur Kampagne des 23.02

Mit dem Aufkommen der Proteste gegen die Fackelmahnwache, wurde es in Pforzheim am 23.02 unruhig. Zuvor versuchten Stadt und Presse die Mahnwache geheim zu halten. Geebnet durch eben diese, formierte sich in der Bürgerschaft das Bild der linken ChaotInnen. Der Fokus wird nicht etwa auf die Tyrannei des Nationalsozialismus und dessen geistigen Nachkommen gelegt, sondern bezieht sich auf die Menschen welche sich gegen die Fackelmahnwache stellen. Problem ist nicht etwa der positive Bezug zum deutschen Faschismus, sondern die geliebte Grünpflanze die von Omas Balkon fallen könnte. Eine inhaltliche Auseinandersetzung fehlt. Die Konfrontation mit den Neonazis wird von Seiten der Stadt und der Mehrheit der BürgerInnen als reiner Lustakt empfunden, welcher sich für sie in einer Hooligan- Gewalt ausdrückt. Unter dem Deckmantel des „Linksextremismus“ sei auch keine inhaltliche Diskussion mehr von Nöten.

Von dieser Situation ausgehend suchen wir nach Wegen, damit die PforzheimerInnen uns nicht weiter in die Schublade „linke Chaoten“ stecken können. So setzen wir auf eine Demonstration am 20. Februar, um das Bild des / der „prügelnden Demonstranten /-in“ zu entschärfen. Da am 20. Februar keine öffentliche Veranstaltung der Neonazis stattfindet, wird es für die BürgerInnen schwieriger sich der Diskussion mit uns zu entziehen, da ihr Hauptargument keinen Bestand mehr hat.

Uns ist bewusst, dass man grundsätzlich keinen Naziaufmarsch gewähren lassen darf. Dementsprechend wird es auch am 23.Februar eine Kundgebung und Aktionen in der Innenstadt geben. Wir sehen jedoch keine Perspektive, isoliert von der Gesellschaft den alltäglichen Wahnsinn zu bestreiten. Wir müssen raus aus der Szene-Ecke, wir müssen raus aus der Schublade. Wenn wir schaffen, als inhaltlich fundiert wahrgenommen zu werden, als Menschen, die für die Menschlichkeit dastehen, dann können wir auch die Bevölkerung dazu bewegen, in Massen dafür zu sorgen, dass die Mahnwache der Nazis nicht mehr stattfindet Wir werden uns allerdings nicht anbiedern in Form von „alle DemokratInnen gegen Extremismus“ oder Abstand von unserer Meinung nehmen, dass der Angriff auf Pforzheim eine logische Konsequenz des „Totalen Kriegs“ war. Wir werden auch in Zukunft darauf drängen, dass TäterInnen und ProfiteurInnen des Naziregimes benannt werden. Wir werden es auch in Zukunft nicht über die 100 Rüstungsbetriebe in Pforzheim während des 2. Weltkrieges schweigen. Wir werden uns auch in Zukunft gegen ein Geschichtsbild wehren, das die Deutschen als Weltmeister der Geschichtsaufarbeitung darstellt, obwohl sich das Geschichtswissen des Guido Knopp auf Hitlers Frauen, Hitlers Generäle und Hitlers Haustiere beschränkt. Wir werden auch in Zukunft nicht akzeptieren, wenn bei dem Geschwätz über „Alle Opfer von Krieg und Diktatur“ die Einmaligkeit der Shoa geleugnet wird. Aber wir werden den Schwerpunkt unserer Arbeit anders ausrichten, damit unser Geschichtsbild in Zukunft auch angehört wird.

Aufruf zur Demonstration

Sa, 20. Feb. 14:00 Uhr Waisenhausplatz

rechtspfeil

Flagge zeigen gegen Rechts

Für ein Pforzheim ohne Nazimahnwache am 23.2.

Mahnwache des FHD
Seit 1994 veranstaltet der rechtsradikale „Freundeskreis ein Herz für Deutsch-land“(FHD) (fast)[1] jedes Jahr am 23. Februar eine Fackelmahnwache, um der „deutschen Opfer“ [2] des Angriffs auf Pforzheim 1945 und des 2. Weltkriegs zu gedenken.
Die Mahnwache ist mittlerweile mit 100 – 200 Teilnehmer/-innen die größte regelmäßige faschistische Veranstaltung in Baden-Württemberg. Das Gedenken an „deutsche Opfer“ ist für die sonst recht zerstrittene Bewegung in Deutschland das Bindeglied zwischen allen Gruppen. Die größten Nazidemonstrationen drehen sich immer um den 2. Weltkrieg, z.B. in Dresden am 13. Februar.[3]

Geschichte als Anknüpfungspunkt

Am 23. Februar wird der 17.000 Toten gedacht, die in Pforzheim ums Leben kamen. Meist werden dabei Erlebnisse von Pforzheimer/-innen während und nach dem Luftangriff aufgezeigt. Neben der Trauer um Verwandte, die viele Pforzheimer/-innen durchleben, wird auch gemeinschaftlich aller anderen Opfern des Krieges gedacht.
Es wird aber nur selten von den nationalsozialistischen Täter/-innen gesprochen. So entsteht leicht der Eindruck, dass Pforzheim zufällig kurz vor Kriegsende angegriffen wurde. Nur selten wird klar, dass es die Logik des von Nazi-Deutschland begonnenen und von der Bevölkerung mehrheitlich mitgetragenen Vernichtungskrieges war, die nun auch auf unsere Stadt zurückfiel.
Diese Geschichtsbetrachtung macht es den 100 – 200 Alt- und Neonazis auch dem Wart-berg leicht, mitzutrauern. Sie sehen sich und ihre Helden aus der Zeit Nazi-Deutschlands ebenso als Opfer des „Bombenkrieges“, bedienen sich der allgemeinen Trauerstimmung und reihen sich ein. Doch innerhalb ihres Gedenkens klammern sie einfach Gruppen wie Zwangsarbeiter/-innen oder Jüdinnen und Juden aus. Sie gehören ihrem Weltbild nach nicht zu den Opfern 2. Weltkrieges.

Warum gibt es so wenig Protest?

Die größte regelmäßige faschistische Veranstaltung in Baden-Württemberg erzeugt in Pforzheim bis jetzt keinen Protest, der auch wirklich breit aus der Bevölkerung heraus getragen wird. Zum einen liegt das am Charakter der Veranstaltung; über Jahre hinweg war nicht bekannt, dass es diese Mahnwache gibt. Zum anderen kann man sie leicht ignorieren, da sie in unbewohntem Gebiet stattfindet.
Gerade dieser Sonderstatus macht die Mahnwache gefährlich. Hier können Rechte aller Strömungen ungestört zusammenkommen, sich austauschen und Gemeinschaft erleben. Auf dem Wartberg herrscht eine beeindruckende Atmosphäre: Um 19:40 Uhr stehen sie dort, entzünden ihre Fackeln, kurz darauf beginnen in der ganzen Stadt für 20 Minuten die Glocken zu läuten, ansonsten herrscht andächtige Stille.
Diese Atmosphäre kann Einsteiger/-innen in die rechte Szene beeindrucken und alte Nazis festigen; es vermittelt allen, dass sie nicht alleine sind;
dass an den rechten Parolen schon was dran sein wird, weil es sich richtig anfühlt.

Die rechtsradikale Szene in Pforzheim

In Pforzheim gibt es nicht nur am 23. Februar eine aktive Naziszene. Zunehmend fällt eine wachsende, gewaltbereite rechtsradikale Jugendszene auf. So versuchten am 24. Oktober 2008 etwa 15 Neonazis aus dem Umfeld des „Heidnischen Sturmes Pforzheim“[4] ein Konzert der Aktion „Laut gegen Nazis“ anzugreifen. Mit Knüppeln, Pfefferspray und Flaschen begannen sie auf Besucher/-innen des Jugendzentrums Kupferdächle einzuschlagen.
Auch vor direkten gewaltätigen Überfällen auf einzelne Personen schrecken Pforzheimer Neonazis nicht zurück. Am 16. Mai jagten drei Neonazis einen 14jährigen auf Grund seiner Hautfarbe durch die Pforzheimer Nordstadt.
Einer der Täter wurden hier glücklicherweise ermittelt und in erster Instanz zu einem Jahr Gefängnis verurteilt.
Insgesamt ist es der lokalen Naziszene mit der politschen Einflussnahme ernst. Dafür spricht, spricht, dass am 13. Februar 2009 ca. 50 Pforzheimer Neonazis mit einem eigenen Reisebus nach Dresden fuhren, und dort ein Transparent trugen mit der Aufschrift „Alliierter Bombenterror Dresden – Pforzheim“.

Fazit

Es geht eine direkte Bedrohung von der Pforzheimer Naziszene aus, die vor allem von Jugendlichen großen Zulauf erfährt. Der 23. Februar hat für die Szene eine große Bedeutung, da er sowohl nach außen ein „Markenzeichen“ ist, als auch nach innen die regionale Vernetzung stärkt.

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[1] 2002 konnte die Mahnwache durch antifaschistischen Gegenprotest verhindert werden. 2004 fiel der 23 .Februar auf einen Rosenmontag. Die Polizei konnte nicht für die Sicherkeit garantieren; der FHD sagte die Mahnwache im Vorfeld ab.

[2] Nazis verstehen unter Deutschen diejenigen, die sie zu ihrer konstruierten „Volksgemeinschaft“ zählen; so gehören beispielsweise Jüdinnen und Juden, Behinderte oder politische Gegner/-innen nicht zu den Deutschen.

[3] 2009 fand mit 6000 Teilnehmer/-innen einer der größten Naziaufmärsche in der Geschichte der Bundesrepublik statt.

[4] Der Heidnische Sturm Pforzheim ist eine 2005 gegründete, rechtsradikale Kameradschaft.

Veranstalter der Demonstration ist die
Initiative gegen Rechts

Aktuelle Infos zum 23. Februar gibt’s unter bka.blogsport.de

Solidarische Zustimmungsbekundung zum Text „Szeneperistaltik“

Die AutorInnen dieses Texts zu andauernden Streitereien zwischen „Antideutschen“ und „Antiimperialistischen“ Gruppen der Linken, haben es aus unserer Sicht geschafft eine vernünftige Analyse des Themas heraus zu arbeiten und zeigen fundiert die Problematik auf die aus Linkem Konservativismus folgen kann.

Szeneperistaltik

Verfasst von: anonym. Verfasst am: 10.01.2010

Gegen linken Konservatismus – zum ständigen Gezänk zwischen Antideutschen und Antiimps

Die Auseinandersetzungen im Gefolge der Verhinderung des Films „Pourqoi Israel?“ von Claude Lanzmann im Oktober ´09 im Hamburger Szenekino B-Movie, die nicht mehr zählbaren Papiere und Statements dafür oder dagegen, v.a. natürlich dagegen, die antideutsche Demo mit 350 TeilnehmerInnen und das beinah weltweite Aufsehen, das das aufgebrachte Geschrei um diese törichte Aktion ausgelöst hat, die noch gar nicht absehbaren Folgen für die Hamburger Linke sind Auslöser, das folgende niederzuschreiben.

Vorm B-Movie und in der Folge eskalierte ein seit Jahren schwelender Konflikt, der geprägt ist vom gegenseitigen Versuch zweier Strömungen einander mundtot zu machen. Das verbal und gelegentlich auch physisch mit brachialen Mitteln ausgetragene Gezänk von Antideutschen und Antiimps dominiert mal mehr, mal weniger Diskussionen und Praxis der radikalen Linken – und behindert sie damit enorm. Mal mehr, mal weniger gelingt es einem der Flügel, andere politische Strömungen für sich einzuspannen. Wir könnten uns damit beruhigen, daß hier geistige Not mit intellektuellem Elend eine selbstzerstörerische Symbiose eingehen. Letztendlich denunzieren beide Seiten sich mit ihren durchgeknallten Positionen selbst, könnten uns also egal sein, wenn, ja wenn ihre Auseinandersetzung nicht weit in die Linke hineinwirken würde – wie der breit getragene Aufruf zur antideutschen Demo am 13.12. gezeigt hat.

Es soll an dieser Stelle nicht um die konkrete Auseinandersetzung gehen, sondern wir werden Verhaltensweisen und Denkmuster kritisieren, die in der hiesigen Linken weit verbreitet sind. Hierin sehen wir die wirklichen Ursachen dafür, daß die Denunziation der sachlichen Auseinandersetzung vorgezogen wird, daß man sich bestenfalls ignoriert und schlimmstenfalls die Fäuste fliegen. In einer Zeit, in der es scheint, als könnten wir unsere Ziele niemals erreichen, verlagert sich das Interesse auf Nebenschauplätze, in die sodann alle Kraft gesteckt wird. Nach dem Motto, wenn wir das Schlechte dieser Gesellschaft schon nicht verändern können, wollen wir wenigstens in der eigenen Szene unsere moralischen Vorstellungen durchdrücken. Der andersdenkende Mitstreiter findet sich plötzlich in der Rolle des primären politischen Gegners wieder.

Rechthaberei und Verächtlichmachung anderer Positionen

Linker Konservatismus drückt sich in dem Axiom aus, nur der eigene Standpunkt sei der einzig richtige und alle anderen Positionen sind eigentlich nicht mehr links (in der Regel antisemitisch oder proimperialistisch).

Man lese dazu einmal antideutsche Texte. Die dortigen AutorInnen stilisieren sich wortreich zu Alleswissern und intellektuellen Alles-Zermalmern, die den angeblich in der Linken grassierenden Antisemitismus als einzige erkannt und kritisiert haben. Wo eine Kritik an der einseitigen und unsensiblen (weil unter Außerachtlassen des eigenen Standorts, nämlich dem Land der Shoah) Palästina-Solidarität dringend ist, kehren sie deren Argumentationsmuster um und verlangen eine unkritische Solidarität mit Israel als der Zufluchtsstätte für die Opfer des Antisemitismus. Sie blenden dabei aus, daß Israel eben nicht nur Refugium für Juden und Jüdinnen ist, sondern auch ein ganz normaler Nationalstaat und desweiteren ein Staat, der einen Anteil daran hat (aber keineswegs allein dafür verantwortlich zu machen ist), daß er immer noch nicht in Frieden mit seinen Nachbarn lebt. Israel ist eine historische Notwendigkeit, es besteht jedoch keine Ursache Israel zu glorifizieren.

Die antideutschen DenunziantInnen eines jeden linken Widerparts gebrauchen den Antisemitismus-Vorwurf derart inflationär, daß er in ihrer Argumentation, ohne daß sie dessen gewahr würden, jede Trennschärfe und analytische Qualität eingebüßt hat. Genau betrachtet verharmlosen Antideutsche auf diese Weise den real existierenden Antisemitismus.

Aber auch ihr selbst erwählter Contrepart (selbstgewählt von beiden Seiten), die sog. Antiimps (nach der gegenwärtigen Verwendung dieses Begriffs für AnhängerInnen einer sehr traditionellen und zumeist unkritischen Solidarität mit den verschiedensten antiimperialistischen Bewegungen weltweit), ist wenig mehr als die andere Seite dieser Medaille: Die Analysen, die ihrer trüben Gedankenwelt entspringen, sind ein lauwarmer Aufguß vergleichbarer Ansichten der 1980er Jahre. Sie sind den Antiimps quasi ewig gültige Wahrheiten. Neue Aspekte und Kritiken werden von ihnen nicht lediglich verworfen, vielmehr hat es den Anschein, als würde über sie gar nicht erst nachgedacht. Dem kritischen – wenn auch bestimmt nicht immer richtigen – Diskurs über Sinn und Unsinn von „Volksbefreiung“ oder „Antizionismus“ haben sie sich konsequent verweigert und geben in ihren Publikationen daher einen stets altbackenen, überkommenen Eindruck ab. Kritiken an tradierten Auffassungen in der Linken werden nur zur Kenntnis genommen, um Munition für die eigenen Erklärungen gegen die KritikerInnen zu gewinnen. Deshalb wirken Diskussionspapiere aus diesen Kreisen nicht nur ungeheuer angestaubt, sondern eben auch ahnungslos. Und ein Besuch in der B5 hat etwas von einer Zeitreise in die Vergangenheit.

Dieses Spektrum steht moderneren Formen des Antisemitismus hilflos gegenüber: Der hier immer wieder angeführte Vergleich einzelner Facetten der israelischen Besatzungspolitik mit den Verbrechen des deutschen Faschismus bestärkt letzendlich all jene, die die deutschen Verbrechen mit der „Erkenntnis“ verharmlosen möchten, wo anders gehe es doch ebenfalls recht übel zur Sache. Niemals wurde in diesen Kreisen zur Kenntnis genommen, wie sehr die NS-Vergleicherei in der deutschen Bevölkerung einer Schuldabwehr dient.

Moralischer Rigorismus

Beide Seiten sind in ihren Äußerungen und ihrem Handeln stark moralisch und weit weniger als sie selber sich gern darstellen von einer kritischen Gesellschaftsanalyse geprägt. Hinter ihrer Parteinahme für jeweils eine Seite des Israel-Palästina-Konflikts verschwinden Auseinandersetzungen in unserer Gesellschaft zwar nicht vollständig, werden aber zur Randerscheinung. Die moralisch fundierte Parteinahme entweder für „die“ PalästinenserInnen oder „die“ Israelis führt zu einem Austrag eines stellvertretenden Nahost-Konflikts in der BRD, wie er absurder nicht sein könnte. Beide Seiten verstecken sich hinter Nationalstaaten resp. Nationalstaatsgründungsorganisationen und sind in derem bürgerlichen Denken gefangen. Auf der einen Seite Verherrlichung der imperialistischen Staaten als „Zivilisation“, auf der anderen Seite ein völlig verlotterter Halbmarxismus, der bestenfalls auf die Unterstützung staatskapitalistischer Elendsverwaltung hinausläuft. Es drängt sich der Eindruck auf, daß sich, je handlungsunfähiger und gesellschaftlich marginalisierter die deutsche Linke ist, umso lauthalser der Antideutschen-Antiimp-Streit in den Mittelpunkt zu drängen vermag.

Suche nach Identität

Die bürgerliche Gesellschaft erzeugt ständig neu Konformität – nur wer mitmacht und Einverständnis bekundet ist ihr akzeptiertes Mitglied – alle anderen setzen sich der Gefahr aus, in eine Außenseiterposition abgedrängt zu werden. Auf der anderen Seite ist ausschließlich „graue Masse“ langweilig (und damit auch geschäftsschädigend), so daß ständig der Ruf nach dem Besonderen, Einzigarten laut wird, das der oder die Einzelne darzustellen habe. So wird die eingeforderte Individualität zur Attitüde, zur Distinktion zum Zwecke gesellschaftlicher Teilhabe. Die Möglichkeiten der Zugehörigkeit zu allerlei Szenen, des Angebots diverser Moden, unter einer Unzahl von Hobbies auszuwählen oder des Anhängens an Traditionen, helfen nach außen eine Persönlichkeit darzustellen (eben auch da, wo gar keine vorhanden ist).

Neben vielen anderen Varianten, sich ein Image als pseudoindividuelles Kennzeichen zu verschaffen, macht – was zunächst widersinnig klingt – auch linke Politik unausgesprochen Angebote einer Identitätsfindung außerhalb des gesellschaftlichen Mainstreams. Welcher links orientierte Jugendliche bewundert nicht den gesetzlosen Militanten, den weder Normen noch deren staatliche VollstreckerInnen zu interessieren scheinen.

Antiimps und Antideutsche haben hier ganz einzigartige Angebote zu machen, um sich einer In-Group zugehörig fühlen zu können und sich von der „Masse“ auch der übrigen Linken abzugrenzen. Diese stete Abgrenzung von „den Anderen“ ist konstitutives Moment beider Strömungen, wie sie sich derzeit präsentieren; womöglich gäbe es beide ohne diese Abgrenzungspolitik gar nicht. Während das theoretische Rüstzeug der einen zu flach, ihre Außendarstellung (in diesen Kreisen noch ganz klassisch als Agitation und Propaganda bezeichnet) zu altmodisch ist, um Anziehungskraft zu entfalten, ist das Gedankengebäude der anderen zu absurd, um ohne identitäre Motivationen des Mitmachens auszukommen.

Beide Strömungen haben ein eigenes, unverwechselbares Erscheinungsbild entwickelt. Während die Antideutschen sich gern sehr modern, der Zeit voraus, gerieren und sich das Image der entschiedensten KritikerInnen anmaßen, geben sich die Antiimps hemdsärmlig als die entschlossensten Fighter gegen den Imperialismus. Beispielhaft mag für die ersten der Name einer dieser Truppen stehen: „sous la plage“ heißt übersetzt „unter dem Strand“ und rekurriert auf die ´70er Parole „unter dem Pflaster liegt der Strand“: Sie schürfen eben noch tiefer und sehen nach, was denn unter dem Strand noch zu finden wäre. Für zweitere ist die gern ´mal – scheinbar nur nebenbei – eingesträute Bemerkung charakteristisch, wenn sie wegen ihre Gewaltbereitschaft innerhalb der Linken kritisiert werden, dies sei doch gar nicht so gravierend, mensch habe schließlich auch ehemalige Guerillakämpfer in den eigenen Reihen (und unausgesprochen: diese echten Kerle sind ganz anderes gewohnt). Aus diesem ganzen Gehabe spricht mehr Eitelkeit als Ernsthaftigkeit in der politischen Auseinandersetzung. Aber: Beide brauchen´s, um ihre Läden zusammenzuhalten, daher ihre Unbedingheit und Kompromißlosigkeit.

Perspektivlosigkeit

Beide Seiten der Medaille sind auch ein Ausfluß der derzeitigen Perspektivlosigkeit linksradikaler Politik. Die Antideutschen haben daraus den Schluß gezogen, daß, wenn es mit der (welt)revolutionären Veränderung schon keinen Zweck mehr habe, mensch wenigstens verhindern solle, daß sich das schlimmste Menschheitsverbrechen der Moderne – der Holocaust – wiederhole. Dieses ehrenwerte Anliegen wurde von einigen AkteurInnen im Laufe der Zeit in eine Lobbyarbeit für die israelische Regierungspolitik überführt und damit der Lächerlichkeit preisgegeben. Eine ernsthafte Analyse und Bekämpfung des real existierenden Antisemitismus hierzulande findet in diesen Kreisen längst nicht mehr statt. Sie haben den schwerwiegenden Vorwurf des Antisemitismus zum Schlagwort in innerlinkem Macht- und Einflußgerangel verkommen lassen. Aber auch die Antiimps haben ihre Kompensation der hiesigen unerfreulichen Zustände durch die Projektion ihres romantisch verklärten bewaffneten Kampfes auf alles, was irgendwo in der Welt knallt und schießt, gefunden. Dabei lassen sie allzugern außer acht, was da für AkteurInnen auf dem Platz stehen. Es sollte doch eigentlich selbstverständlich sein, daß, wenn man sich irgendwie auf Palästina bezieht, mitgedacht werden muß, daß die dortigen Hauptbeteiligten des „Widerstands“ eben die faschistoiden IslamistInnen der Hamas sind. Wer das unterschlägt oder gar mit der Parole verteidigt, diese seien „objektiv antiimperialistisch“, weil sie eben gegen Israel und die USA kämpften, hat das Ziel einer befreiten Gesellschaft aus den Augen verloren.

Ihre Art von Theorie ist beiden Seiten nicht Teil ihres Ringens um eine bessere Welt, sondern ein Haltegriff, um in den komplizierten tatgtäglichen Auseinandersetzungen nicht ins Schlingern zu geraten. Die einen schätzen es, in einer bemüht akademischen Sprache mit ihren Theorieversatzstücken um sich zu schmeißen. Nachwuchsantideutsche sind häufig als Jugendliche in die autonome Szene gegangen und mußten später bei ihren ersten intellektuellen Gehversuchen an der Universität feststellen, daß ihre eigenen Szene theoretisch kaum unterfüttert ist. In dieser Situation bieten sich die Antideutschen mit ihrem Sprachbombast geradezu an zum Erwerb der nun neuen Identität als kritische Intellektuelle. Wer antideutsche Texte liest, wird feststellen, daß zumeist mit einem elaborierten Sprach- und Formulierungsschatz umgegangen wird, daß aber der Inhalt dazu in keinem Verhältnis steht. Sprache wird hier auf Distinktion getrimmt und reduziert.

Ihr Antiimp-Pendant kommt da ganz anders und doch so gleich daher. Auch hier kommt es nicht vornehmlich auf die Richtigkeit dessen, was mensch sagt (oder schreibt), an, sondern darauf, wie es vorgetragen wird. Wo das Image des gestählten, seiner selbst absolut sicheren Kämpfers dargeboten werden soll, muß die Theorie dem entsprechen. Ihr Inhalt hat sich seit bald 100 Jahren nicht verändert, abgesehen von einem Update in den ´70ern, ihre Wahrheiten sind die stets gleichen, immerwährenden. Der dort geliebte Leninismus oder Maoismus wird auf griffige Formeln ´runtergebrochen. Wenn aber ein Theoriegebäude seit mehreren Jahrzehnten nicht verändert wurde, bedeutet dies entweder, die Welt hat sich nicht gewandelt oder die Theorie ist längst überholt. Aber auch sollte letzteres der Fall sein, in Antiimp-Kreisen würd´s eh keinen stören!

Politische Theorie dient beiden Strömungen nur der gegenseitigen Identitätsversicherung und will weit weniger zu einer Auseinandersetzung über die Welt, in der wir leben, und wie sie zu verändern wäre, beitragen. Die moralische Reinheit der eigenen Szene, ihrer Ideen und Veröffentlichungen ist beiden weit wichtiger als der Versuch, zu überzeugen, Menschen für die Vorstellungen einer anderen Welt zu gewinnen. Weder Antideutsche noch Antiimps tragen zur gesellschaftlichen Emanzipation bei. Hier nicht – und auch nicht in Israel und Palästina.

Beiden Seiten ist der Gedanke fremd, daß eine radikale Linke Veränderung nicht nur erfordert, sondern daß sie geradezu ihr Bewegungsprinzip ist. Als EinwohnerInnen eines bürgerlichen Staates, die eine andere, freie Gesellschaft anstreben, frei von Ausbeutung und Unterdrückung, dafür selbstbestimmt und kollektiv organisiert, stehen wir täglich zwischen dem, was uns diese Gesellschaft aufzwingt, zwischen bürgerlichen Verhaltensweisen, die wir jahrzahntelang eingeübt haben, und dem, wohin wir wollen. So gesehen sind Fehler vollkommen unvermeidlich. Sie sind auch überhaupt nichts Schlimmes, solange wir bereit sind, aus ihnen zu lernen. Der Wille zu verändern, auch sich selbst zu verändern, gefaßte Standpunkte zu revidieren, die politische Praxis immer wieder zu überprüfen und eingefahrene Wege zu verlassen ist ein konstitutives Element jeder linksradikalen, revolutionären Bewegung!

Link zu Indymedia Linksunten: Szeneperistalitik

FAU: Verboten Kämpferisch! Gewerkschaftsfreiheit verteidigen!

Aufruf zur Bildungsdemo am Mittwoch | 2.12. | 14 Uhr | Waisenhausplatz

Am Mittwoch, den 2. Dezember veranstaltet der AstA der Hochschule
Pforzheim eine Demonstration unter dem Motto „Mehr Gold für Bildung“.
Beginn ist 14 Uhr am Waisenhausplatz. Die Demonstration findet im Rahmen
des bundesweiten Bildungsstreiks statt. Neben Studierenden sind auch
SchülerInnen, Auszubildende und alle BürgerInnen Pforzheims dazu
aufgerufen, sich zu beteiligen.
Wir als Gruppe alert|a begrüßen dieses Engagement und rufen ebenfalls zu
einer breiten Beteiligung auf. Max Kraft, unser Pressesprecher dazu:
„Wir halten die aktuellen Bildungsproteste für wichtig und richtig; die
breite Bewegung für bessere Bildungs- und Lebensbedingungen ist auch
eines unserer Kernziele. Dabei ist es jedoch wichtig, nicht nur einzelne
Symptome wie Studiengebühren und das Bachelor/Mastersystem zu
kritisieren, sondern weiterzugehen: Die Ursache für Leistungsdruck und
Auslese ist eine Wirtschaft, die auf Konkurrenz basiert. Dem stellen wir
die Forderung nach einer solidarischen Gesellschaft gegenüber – der
erste Schritt dazu ist die Solidarisierung der Protestierenden der
Hochschulen, Unis, Schulen und Betrieben untereinander!“

Bildung für alle – und zwar umsonst!

Debatte: Antifa heißt…?


Seit 2007 tauschen sich im Antifaschistischen Infoblatt verschiedene Gruppen über den Stand und die Zukunft antifaschistischer Politik aus. An dieser Stelle sind die bisher erschienenen Debattenbeiträge in chronologischer Reihenfolge nachzulesen.

Extremismus der Vernunft

Autonome Antifa [f] (Frankfurt/Main)
| AIB 83, 2/2009 | lesen

… Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!

VVN-BdA (Berlin) | AIB 82, 1/2009 | lesen

… mehr als Boxen und Bücher lesen?
Theorie Organisation Praxis (Berlin) | AIB 81, 2008/09 | lesen

… radikale Gesellschaftskritik!
Leipziger Antifa Gruppe | AIB 80, 3/2008 | lesen

… zusammen kämpfen, auf allen Ebenen, mit allen Mitteln!
Antifaschistische Linke International (Göttingen) | AIB 79, 2/2008 | lesen

… Angriff!
Antifaschistische Linke Berlin | AIB 77, 4/2007 | lesen

Antifa heißt …?
NS-Verherrlichung stoppen | AIB 76, 3/2007 | lesen

Dortmund: Libertäre und Antinationale Vorabenddemo

Am 4. September findet in Dortmund anlässlich des neonazistischen „Antikriegstages“ eine libertäre und antinationale Vorabenddemo statt. Die Demonstration ist organisiert von der Anarchistisch-Syndikalistischen Jugend NRW und anderen linksradikalen Gruppen. Unterstützt von der FAU Region West will die ASJ eigene Akzente setzen und einer fehlenden libertären Perspektive im Ruhrgebiet entgegentreten!

Das kurze „warum überhaupt der 4. September?“
Antifaschismus ist seit jeher ein fester Bestandteil im Alltag von vielen jungen und älteren AnarchosyndikalistInnen, jedoch seltener konkret das Aktionsfeld von FAU oder ASJ als Organisationen.
„Allein dieser Fakt zeigt, dass es Zeitpunkte gibt, an denen wir nicht mehr nur als Einzelne die Antifa-Bewegung unterstützen, sondern selbst alle Kraft aufwenden müssen, um einem erstarkenden und aggressiven Neonazismus die Stirn zu bieten. Das ist in Dortmund eindeutig gegeben“ so ein Sprecher der ASJ Recklinghausen.„Wir müssen uns bewusst sein, dass die Etablierung unserer Politik erst mit der Lösung des Naziproblems in Dortmund und Umgebung erfolgreich sein kann, da aus diesen gewaltbereiten und aggressiven Strukturen eine tägliche Gefahr ausgeht, mit der sich die Menschen konfrontiert sehen.“

Eine Sprecherin fügt hinzu: „Ferner kann es einfach nicht sein, das antifaschistische Arbeit in Dortmund und dem Ruhrpott ausschließlich einen antideutschen Stempel hat. Wir setzen mit einer libertären und antinationalen Demonstration im Ruhrgebiet, die eigens versucht Menschen zu erreichen anstatt durch gewisse Gebärden eher abschreckend zu wirken, ein ganz eigenes und seltenes Zeichen.“

Für Libertäre spielt eine Auseinandersetzung mit Nationalismus und Krieg eine wichtige Rolle, und gerade aus anarchosyndikalistischer Perspektive sind sie reaktionäre Strömungen, die die kapitalistischen Verhältnisse aufrechterhalten und fruchtbaren Nährboden für Faschismus liefern.
Dortmund entwickelt sich zu einer Hochburg der Neonaziszene, und hier im besonderen dem der sogenannten „autonomen Nationalisten“ die den Stadtteil Dorstfeld komplett für sich als national befreite Zone beanspruchen. Angriffe auf die marginalen alternativen Treffpunkte und auf Menschen mit Migrationshintergrund oder als „Links“ deklarierte Menschen sind Alltag in Dortmund, daran ermahnt nicht zuletzt der Mord an den Punk Thomas „Schmuddel“ Schulz. Konflikte zwischen „Antideutschen“ und „AntiImps“ lähmten die Bemühungen um Antifa-Arbeit und schreckte viele AntifaschistInnen ab.
Die ASJ-NRW will hier mit der FAU den Grundstein legen, gegen die größte jährliche Demonstation „autonomer Nationalisten“ ein neues Zeichen zu setzen, und für eine eigene Position zu werben – antinational, klassenkämpferisch und libertär!

Auf nach Dortmund – gegen Krieg und Nationalismus!

Nationalismus überwinden – Grenzen einreißen!

In einem Interview beziehen die Gruppen noch einmal Stellung zum 4. und 5. September.

Der Aufruf der
ASJ-NRW
versucht die Zusammenhänge von Nationalimus und Krieg als unweigerlich aufeinander aufbauend zu analysieren und selbstverständlich nicht halt vor Kapitalimus und seiner Realität zu machen.

Aufrufende und unterstützende Gruppen zum 4.09.

ASJ-NRW
FAU Region West
FAU Hannover

ASJ Berlin

UnterstützerInnen für den 5.09

ASJ Duisburg
ASJ Herne/Recklinghausen
FAU Dortmund
ASJ Bonn

action, mond & sterne

Action, Mond und Sterne… Sternenhimmel, Sommernacht, Waldrand…
Zelte, Diskussionen, Seminare…
Ein kleines Festival mitten im Wald.

Die Ruhe genießen und ihr selbstbestimmte Aktion entgegensetzen. An Utopien basteln, gemeinsam träumen und Pläne schmieden, vegan kochen und essen und für eine andere Welt üben. Jonglage, Poi, Slackline, Kräuter sammeln und den Wald erkunden, über Geschlechterverhältnisse diskutieren und mehr über die Kritik der politischen Ökonomie lernen.

Unser Wissen weitertragen, voneinander lernen.
Das alles natürlich bunt und selbstverwaltet und mitten im Sommer da träumt und zeltet es sich einfach leichter.

Parole: Uns bilden, andere bilden, Banden bilden!

Homepage des action, mond und sterne
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